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Rezension

Breitseite aus der Mittelwelt

"Der Gotteswahn”: Richard Dawkins streitet wider den Glauben, steht aber selbst nicht immer auf festem Grund


Der Grandseigneur der wissenschaftlichen Publizistik versteht es noch immer, ein Thema an der richtigen Stelle zu packen und sein Publikum zu fesseln. Als Einstieg für seinen Angriff auf die Religionen wählt Richard Dawkins ein einfaches Bild, das eigentlich die Werbeleute des britischen Senders Channel Four als Anzeige für die von Dawkins moderierte und gemeinsam mit dem Buch entwickelte Sendung “The Root of all Evil?” (“Die Wurzel alles Bösen?” – gemeint sind die Religionen) ersonnen hatten: Es zeigt die Skyline von Manhattan, darunter den Satz: “Stellen Sie sich eine Welt ohne Religion vor.” Die Pointe liegt darin, dass das Panorama noch die Zwillingstürme des Word Trade Center zeigt, die der Terrorangriff vom 11. September 2001 in Schutt und Asche gelegt hatte.

Dawkins distanziert sich zwar in seinem Buch selbst dezent von dem Titel, der den Glauben als die Wurzel allen Übels bezeichnet, von der beschriebenen Bildunterschrift aber nicht, obwohl beides letztlich auf dasselbe hinausläuft. Das Bild erklärt den Zorn des Autors auf alles Religiöse. Damit reiht er sich ein in eine quicklebendige Phalanx, die dem Glauben den Garaus machen will – auch der Film Religulous oder die Giordano-Bruno-Stiftung mit Deutschlands rhetorisch gewandtem Chef-Atheisten Michael Schmidt-Salomon – und andere hauen in dieselbe doppelte Kerbe: Religionen entbehren nicht nur jeder rationalen Grundlage, sondern machen die Welt – vielleicht oder gerade deswegen – auch noch schlechter.

Nun kennt die Geschichte unzählige Gräueltaten, die nicht religiös – im Sinne des totalitären Glaubens an den einen Gott - inspiriert waren: Hitler, Stalin, Saddam Hussein, Pol Pot … So überzeugt die kategorische Annahme, die Religion sei Ursache des Bösen in der Welt, auch dann nicht, wenn sie wiederholt wird. Es scheint doch vielmehr in der menschlichen Natur zu liegen, eben auch das Böse zu tun, ganz unabhängig vom geistigen Überbau. Und zu diesem Bösen zählt es dann eben auch, sich die Normen, die in religiösen Texten enthalten sind, so zurechtzubiegen oder zu interpretieren, bis sie zur schlechten Tat passen.

Den Kirchen und religiösen Institutionen ihre Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten vorzuwerfen, die sie in der Geschichte begangen und verantwortet haben, ist völlig berechtigt und daher eine Hauptstoßrichtung des Atheismus, der hier die Kirche moralisch entwaffnet und den Spieß umkehrt. Ein Vorwurf, der angesichts des Fundamentalismus (des islamischen, aber auch des christlichen) nichts an Aktualität verliert. Nur offenbart er nicht die Absurdität des Glaubens an sich. Und damit kann dieser Vorwurf die Kirchen heute, deren Mitglieder oder Institutionen teilweise sogar überaus kritisch mit der eigenen Vergangenheit ins Gericht gehen, natürlich nicht in ihrer Existenz treffen.

Eine andere atheistische Stoßrichtung zielt auf problematische Aussagen in den religiösen Schriften selbst ab. Hiergegen zu argumentieren, fällt bereits schwerer. Der Gott des Alten Testaments fordert immer wieder zum Massenmord auf und findet offensichtlich Gefallen daran, seine Geschöpfe körperlich und seelisch zu misshandeln (indem er etwa Abraham befiehlt, seinen Sohn zu opfern). Er vernichtet, was ihn nicht anbetet – in der Tat wohl eher ein Hinweis auf die Seelenlage ganz irdischer Schreiber. Der Hinweis auf das Neue Testament hilft hier nicht weiter. Auch es bietet nicht nur frohe Botschaft, sondern strotzt gleichfalls von gewalttätigen Bestrafungsphantasien. Warum diese kulturellen Schlüsseltexte monströse Passagen enthalten, liegt auf der Hand: Sie sind eben höchstwahrscheinlich ganz irdisch entstanden und enthalten damit die Rache-, Macht- und Gewaltphantasien ihrer Autoren. Eigentlich ja ein solides atheistisches Argument. Nur: Religiöse Texte auf diese fragwürdigen Stellen zu reduzieren, würde der Sache ebenfalls nicht gerecht. Es steckt eben zu viel Weisheit und Gutes, auch Rationales, Philosophisches, Tröstendes, auch für damalige Verhältnisse Innovatives in ihnen, all das lässt sich nicht einfach ausblenden. Religionen spiegeln den Menschen in seinem Glanz und seinem Elend, im Guten wie im Bösen wieder.

Bleibt der Angriff auf die Religion von der Kampfbasis Vernunft aus. Ist das überhaupt erlaubt? Für Dawkins ja. Seiner Ansicht nach leben wir in einem, unteilbaren Universum, indem sich letztlich kein Phänomen dem wissenschaftlichen Fragen entziehen kann. Gibt es Gott? Der Autor hält es selbst für “unfair”, ein so leichtes Ziel wie die “unangenehmste Gestalt in der gesamten Literatur”, nämlich den Jahwe des alten Testaments, anzugreifen. Daher formuliert er die “Gotteshypothese” um, gestaltet sie möglichst neutral, um sie dann zu zerlegen: “Es gibt eine übermenschliche, übernatürliche Intelligenz, die das Universum und alles, was darin ist, einschließlich unserer selbst, absichtlich gestaltet und erschaffen hat.” Seine Gegenthese: “Jede kreative Intelligenz, die ausreichend komplex ist, um irgendetwas zu gestalten, entsteht ausschließlich als Endprodukt eines langen Prozesses der allmählichen Evolution.” Daher, so folgert Dawkins, könne eine solche Intelligenz das Universum nicht entworfen haben, da es sie ja noch gar nicht gegeben haben kann.

In der mittelalterlichen Scholastik gab es manch bizarren Zeitvertreib, etwa gingen Theologen ernsthaft der Frage nach, wie viele Engel auf eine Nadelspitze passen. Und ihre Nachfolger warten mit bewundernswert komplexem Gedanken auf, wie und was Gott sich bei dem und jenem gedacht haben könnte – man denke nur an die protestantische Rechtfertigungslehre. Erstaunlich ist allerdings, dass auch der Atheismus mit Logeleien hantiert, die erkenntnistheoretisch keinerlei Grundlage haben. Woher will ein Autor wissen, selbst vom Format eines Dawkins, dass vor der menschlichen Intelligenz noch nie eine andere im Kosmos entstanden sein kann? Diese Annahme ist eben dies: eine Annahme. Hier wäre ein wenig sokratische Bescheidenheit angebracht.

Infos zum Buch


Richard Dawkins:
Der Gotteswahn

Ullstein Taschenbücher
560 Seiten, € 9,95

 


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