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Rezension (2. Seite und Schluss)

Breitseite aus der Mittelwelt

"Der Gotteswahn”: Richard Dawkins streitet wider den Glauben, steht aber selbst nicht immer auf festem Grund


Dawkins mokiert sich über die Unentschiedenheit und daher über die “Armut des Agnostizismus”, der Lehre von der Unerkennbarkeit des Seins, da jede Wahrscheinlichkeit klar gegen eine Existenz Gottes spräche. Es fragt sich allerdings an mancher Stelle seiner Argumentation, ob sich das einfache Gewand des Agnostizismus nicht mit mindestens genauso viel Würde tragen lässt wie der nach erkenntnistheoretischem Maß protzig geratene Ornat des Atheismus. Der Agnostizismus ist in einer Hinsicht wirklich arm, nämlich ärmer an Illusionen als theistischer oder am Ende auch atheistischer Glaube, wie ihn Dawkins gleichwohl in seinem Werk in durchaus mitreißender, lehrreicher und allemal lesenswerter Weise präsentiert.

Über das Universum und seine Entstehung wissen wir im Grund nichts und können auch keine überprüfbaren Aussagen darüber treffen, ob und wie kreative Intelligenz vorhanden ist. Die Behauptung erinnert an Karl R. Poppers Verbot nicht widerlegbarer Existenzaussagen wie „Es gibt keinen schwarzen Schwan“, die nur überprüft werden könnte, wenn sämtliche Schwäne der Welt auf ihre Farbe hin untersucht worden wären, und da man nie ganz sicher sein kann, ob wirklich alle Schwäne geprüft sind oder vielleicht einer übersehen wurde, bleibt die Aussage eben bis ans Ende der Zeiten eine Hypothese. Eine endgültige Aussage über die Existenz Gottes kann entsprechend erst getroffen werden, wenn das Universum in seinen materiellen wie immateriellen Bestandteilen komplett durchleuchtet ist und auch noch absolute Sicherheit besteht, dass nichts vergessen wurde. Wenn es soweit ist, wäre das auf jeden Fall ein Anlass für ein zünftiges Fest im Restaurant am Ende des Universums.

Eine andere, ganz zentrale Kernthese von Dawkins: Die Komplexität und damit auch Unwahrscheinlichkeit der Welt lasse sich nicht mit einer noch komplexeren und damit noch unwahrscheinlicheren These wie dem Handeln Gottes erklären. Das klingt wissenschaftlich und erinnert an die Beschwörung der eleganten, einfachen Weltformel. Die es vielleicht gar nicht gibt. Denn auch die Einfachheits-These ist kein zwingendes Argument, sondern eine bloße Annahme.

Für Dawkins liegt die Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes nahe bei Null, eine Position, die er als De-facto-Atheismus bezeichnet (gegenüber dem 100-prozentigen Atheisten, der absolut sicher ist, dass Gott nicht existiert). Eine Äquidistanz zu den beiden möglichen Antworten auf die Existenzfrage, nämlich eine jeweils 50-prozentige Wahrscheinlichkeit, hält er für völlig unplausibel. Damit schließt er sich dem Philosophen Bertrand Russell an, dem die Analogie mit der Teekanne einfiel, die die Erde umkreist – was genauso unwahrscheinlich sei wie die Existenz Gottes. Die Analogie stimmt aber nur, wenn es um ein konkret definiertes Gottesbild geht, denn auch das fliegende Porzellan ist ein genau beschriebener Gegenstand. Bei der von Dawkins selbst aufgestellten allgemeinen “Gotteshypothese” gibt es aber keinen Grund, von der Fifty-fifty-Wahrscheinlichkeit eines Münzwurfs – Kopf oder Zahl, Gott ja oder nein – abzusehen, da hierzu eben keinerlei Fakten vorliegen. Gründe, von einer Gleichverteilung der Wahrscheinlichkeiten abzuweichen, gibt es natürlich trotzdem: soziale Einflüsse, Erziehung, Bauchgefühl, Annahmen, Glauben. Aber eben keine wissenschaftlichen oder rationalen.

Nachdem der Autor über hunderte von Seiten seine Abrechnung mit dem Glauben aufgemacht hat, gelingt es ihm tatsächlich, sich noch zu steigern, und zwar, wenn er in den Passagen am Ende des Buches der Religion überraschend auch positive Seiten abgewinnt und sich über die Majestät der (gottverlassenen) Natur äußert.

Der Autor schätzt Religion nämlich durchaus als wertvolles kulturelles Erbe und literarische Quelle. Eine atheistische Weltanschauung sei “keine Rechtfertigung […], um die Bibel und andere heilige Bücher aus unserem Bildungswesen zu verdammen. Und natürlich können wir uns eine gewisse sentimentale Loyalität zu den kulturellen und literarischen Traditionen beispielsweise des Judentums, der anglikanischen Religion oder des Islam bewahren, ja wir können sogar an Trauungen, Beerdigungen und anderen religiösen Ritualen teilnehmen, ohne uns den Glauben an Übernatürliches zu Eigen zu machen, der sich historisch mit diesen Traditionen verbindet. Wir können den Glauben an Gott aufgeben, ohne den Kontakt zu einem wertvollen kulturellen Erbe zu verlieren.”

Am Ende des Buches erzählt Dawkins von der Faszination der Naturwissenschaft. Er spannt ein beeindruckendes Panorama der für das menschliche Gehirn nicht fassbaren Realitäten auf, die im Nano- und kosmischen Reich der Quantentheorie und Kosmologie herrschen und von dort aus unsere “Mittelwelt” bestimmen. Auch Dawkins beschreibt das Wunder unseres Seins, aber es ist ein natürliches Wunder, das wir deshalb keinen Deut weniger schätzen müssen, weil es (höchstwahrscheinlich) von keinem Gott geschaffen wurde.

Max Delius
17. Februar 2010

 

Infos zum Buch


Richard Dawkins:
Der Gotteswahn

Ullstein Taschenbücher
560 Seiten, € 9,95

 


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