Ideen. Impulse. Innovationen.

Terry Eagleton

Fuchteln, dreschen, danebenhauen

Rezension zu Richard Dawkins' Buch "Der Gotteswahn”


Stellen Sie sich jemanden vor, der über Biologie doziert und sein Fachwissen ausschließlich aus dem "Buch der britischen Vögel" bezieht - dann haben Sie eine grobe Ahnung davon, wie es ist, von Richard Dawkins etwas über Theologie zu erfahren. Überzeugte Rationalisten wie Dawkins, nach Bertrand Russell am ehesten so etwas wie ein professioneller Atheist, sind ja in gewisser Hinsicht alles andere als gut gerüstet, um das zu verstehen, was sie geißeln, da sie nicht glauben, dass es da überhaupt etwas Verstehbares oder zumindest etwas Verstehenswertes gibt. Sie kommen deshalb ständig mit abgeschmackten Überzeichnungen religiösen Glaubens daher, angesichts derer ein Theologiestudent im ersten Studienjahr zusammenzucken würde. Je mehr sie die Religion verabscheuen, desto mehr neigt ihre Kritik dazu, sich von den Tatsachen zu entfernen. Gebeten um ein Urteil zur Phänomenologie oder Geopolitik von Südasien, würden sie die Fragestellung sicherlich so gewissenhaft wie möglich durcharbeiten. Ist aber Theologie das Thema, dann geht schon eine schäbige alte Travestie durch. Heutzutage ist die Theologie, anders als zu ihrer Blütezeit im Mittelalter, in einem eher weniger erhabenen Sinn des Wortes „Queen“ der Wissenschaften.

Beim Thema Gott gleicht Dawkins fast jenen konservativen Professoren aus Cambridge, die vor einigen Jahren verbissen Eingaben an den Senat machten, um die Verleihung der Ehrendoktorwürde an Jacques Derrida zu verhindern. Vermutlich hatten nur sehr wenige von ihnen mehr als einige Seiten seines Werks gelesen, und auch das dürfte überaus großzügig geurteilt sein. Hätten sie jedoch einen Aufsatz über Hume von einem Studenten auf den Schreibtisch bekommen, der dessen „Traktat über die menschliche Natur“ nicht gelesen hat, wären sie empört gewesen. Es gibt also immer Sachthemen, bei denen sonst gewissenhafte Köpfe fast ohne Gegenwehr dem gröbsten Vorurteil erliegen. Für viele akademische Psychologen ist es Jacques Lacan; für Philosophen in Oxbridge ist es Heidegger; für ehemalige Bürger des Sowjetblocks sind es die Schriften von Marx; und für militante Rationalisten ist es die Religion.

Was, fragt man sich, sind Dawkins’ Ansichten zu den erkenntnistheoretischen Unterschieden zwischen Thomas von Aquin und Duns Scotus? Hat er bei Eriugena über Subjektivität, bei Rahner über Gnade und bei Moltmann über Hoffnung gelesen? Hat er denn überhaupt je von ihnen gehört? Oder bildet er sich wie ein aufgeblasener junger Anwalt ein, dass man die Gegenseite besiegen kann, indem man selbstgefällig ihre stärksten Argumente übergeht? Dawkins wurde offenbar gelegentlich von Theologen vorgeworfen, er baue Strohmänner auf, nur um sie wieder umzuwerfen, ein Vorwurf, den er in seinem Buch zurückweist; wenn doch aber Der Gotteswahn irgendetwas darstellt, das vergehen soll, dann haben sie absolut recht. Was die Theologie betrifft, hat Dawkins enorm viel gemeinsam mit Ian Paisley und den amerikanischen Fernseh-Evangelisten. Beide Seiten stimmen weitgehend darin überein, was Religion ist; allerdings verwirft Dawkins dies, während Oral Roberts und seine salbungsvolle Sippschaft davon Fett ansetzen.

Aus einem Gebirge soll ein Maulwurfshügel an Beispielen genügen. Dawkins ist der Auffassung, dass jeder Glaube blinder Glaube ist und dass christliche und muslimische Kinder dazu erzogen würden, bedingungslos zu glauben. Nicht einmal der dämliche Geistliche, der mich auf dem Gymnasium getriezt hat, dachte so. In der Hauptströmung des Christentums haben Vernunft, Argumente und aufrichtige Zweifel für das Glaubensverständnis immer eine integrale Rolle gespielt. (Wo aber bleibt, fordert er uns doch gewissermaßen auf, alles in Frage zu stellen, Dawkins eigene Kritik an Wissenschaft, Objektivität, Liberalismus, Atheismus und dergleichen?) Selbstverständlich verschwindet die Rationalität bei Gläubigen nie restlos, doch genauso wenig tut sie das bei den meisten einfühlsamen, kultivierten nichtreligiösen Menschen. Sogar Richard Dawkins lebt mehr aus Glauben als aus Vernunft. Wir halten an vielen Überzeugungen fest, denen es an einer unanfechtbaren rationalen Rechtfertigung mangelt, die beizubehalten aber dennoch vernünftig ist. Nur Positivisten glauben, “rational“ bedeute “naturwissenschaftlich“. Dawkins lehnt die gewiss vernünftige Position, dass Naturwissenschaft und Religion nicht in Konkurrenz stehen, mit der Begründung ab, das schirme die Religion vor rationaler Nachforschung ab. Das ist aber ein Irrtum: Wer behauptet, dass Naturwissenschaft und Religion unterschiedliche Fragen an die Welt stellen, meint damit noch nicht, dass der Papst unverzüglich Arbeitslosengeld beantragen sollte, falls die Knochen von Jesus in Palästina entdeckt würden. Er behauptet vielmehr, dass Glaube genauso wie Liebe Fakten berücksichtigen muss, aber nicht darauf reduzierbar ist. Soll meine Aussage, dass ich dich liebe, schlüssig sein, muss ich begründen können, was diese Liebe zu dir rechtfertigt; aber auch mein Bankberater könnte meiner mit feuchten Augen vorgetragenen Beschreibung von dir zustimmen, ohne selbst in dich verliebt zu sein.

Dawkins hält daran fest, dass die Existenz oder Nicht-Existenz Gottes eine naturwissenschaftliche Hypothese sei, die für eine rationale Beweisführung offen ist. Das Christentum lehrt, dass die Behauptung, es gibt einen Gott, vernünftig sein muss, dass dies aber keinesfalls dasselbe wie der Glaube ist. Was immer auch Dawkins denken mag, der Gottesglaube ist nicht vergleichbar mit der Schlussfolgerung, dass es Außerirdische oder die Milchzahnfee gibt. Gott ist kein himmlisches Super-Objekt oder ein göttliches UFO, über dessen Existenz wir agnostisch, im Unklaren bleiben müssen, bis die Beweislage klar ist. Theologen glauben ja nicht, dass er innerhalb oder außerhalb des Universums ist, wie Dawkins ihnen unterstellt. Zum Wesen Gottes gehören auch seine Transzendenz und Unsichtbarkeit, was beim Monster von Loch Ness nicht der Fall ist. Das soll nicht bedeuten, dass religiöse Menschen an ein schwarzes Loch glauben, denn sie berücksichtigen auch, dass Gott sich offenbart hat: nicht, wie Dawkins glaubt, in der Gestalt eines kosmischen Handwerkers, gewitzter noch als Dawkins selbst (das Neue Testament erwähnt Gott als Schöpfer praktisch überhaupt nicht), sondern zumindest für die Christen im Gewand eines verunglimpften und ermordeten politischer Verbrechers. Die Juden des so genannten Alten Testaments glaubten an Gott, das heißt aber nicht, dass sie nach der Behandlung des Themas auf einer Reihe internationaler Konferenzen beschlossen hätten, die wissenschaftliche Hypothese zu billigen, dass ein oberster Architekt des Universums existiere – obwohl sie, wie die Schöpfungsgeschichte zeigt, dieser Meinung waren. Sie hatten Glauben an Gott im Sinne von: Ich habe zu dir Vertrauen. Sie mögen sich in ihrer Ansicht geirrt haben; aber sie haben sich nicht geirrt, weil ihre wissenschaftliche Hypothese faul war.

Dawkins spricht spöttisch von einem persönlichen Gott, als ob völlig klar wäre, was das nun genau bedeuten könnte. Wenn schon nicht unbedingt als Alten mit weißem Bart, so scheint er sich Gott doch als einen Kerl vorzustellen, wenn auch in Übergröße. Er fragt sich, wie dieser Typ zu Milliarden von Menschen gleichzeitig sprechen kann, was mit der erstaunten Frage zu vergleichen wäre, warum Tony Blair nur zwei Arme hat, wenn er doch ein Krake ist. Für das Juden-Christentum ist Gott nicht Person in dem Sinne wie Al Gore wohl eine ist. Er ist weder ein Prinzip, noch ein Entität, noch „existent“: in einem gewissen Sinn dieses Wortes wäre es für religiös Gläubige völlig stimmig, zu erklären, dass Gott eigentlich nicht existiert. Viel mehr ist er die Bedingung der Möglichkeit für jegliches Seiende, uns selbst eingeschlossen. Er ist die Antwort darauf, warum etwas da ist an Stelle von nichts. Gott plus Universum ergeben also niemals zwei, so wenig wie mein Neid und mein linker Fuß ein Paar von Objekten bilden.

Das, und nicht ultimative Handwerkerarbeit, ist traditionsgemäß gemeint, wenn von Gott als Schöpfer die Rede ist. Er ist es, der durch seine Liebe alle Dinge im Dasein hält; und das wäre selbst dann so, wenn das Universum ohne Anfang wäre. Zu sagen, er habe es ex nihilo ins Dasein gebracht, ist kein Maß dafür, wie ungemein clever er ist, sondern ein Hinweis darauf, dass er es aus Liebe getan hat und nicht aus einem Bedürfnis. Die Welt war nicht Folge einer unerbittlichen Kette von Ursache und Wirkung. Wie bei einem modernistischen Kunstwerk gibt es da keinerlei Notwendigkeit, und Gott hätte sein Werk auch gut vor einigen Ewigkeiten abblasen können. Die Schöpfung ist der ursprüngliche acte gratuit. Gott ist ein Künstler, der es aus nichts anderem als reiner Liebe getan hat, aber zur Hölle damit, kein Wissenschaftler, der an einem herrlich vernünftigen Projekt arbeitet, das seine Geber von Forschungsmitteln grenzenlos beeindrucken wird.

Weil es aber Gottes Universum ist, hat es Anteil an seinem Leben, welches das Leben der Freiheit ist. Gerade darum funktioniert es ganz aus sich heraus, und darum ist beides möglich, die Wissenschaft ebenso wie Richard Dawkins. Für alle menschlichen Wesen gilt ja gleichermaßen: Gott ist kein Hindernis für unsere Willensfreiheit und unser Vergnügen, sondern, wie Thomas von Aquin darlegt, die Kraft, die uns ermöglicht, wir selbst zu sein. Wie das Unbewusste ist er näher bei uns als wir selbst. Er ist der Quell unserer Selbstbestimmung, er löscht sie nicht aus. Von ihm abhängig zu sein, wie von unseren Freunden abhängig zu sein, bedeutet Freiheit und Erfüllung. Ja, Freundschaft ist das Wort, das Thomas von Aquin verwendet, um die Beziehung zwischen Gott und der Menschheit zu beschreiben.

Dawkins, der vom Mechanismus der Schöpfung genauso besessen ist wie seine kreationistischen Gegner, versteht von diesen traditionellen Lehren gar nichts. Er versteht auch nicht, dass Gott, da transzendent zu uns (mit anderen Worten: er uns nicht hervorbringen musste), von jeglichem neurotischen Bedürfnis nach uns frei ist und einfach nur will, dass wir uns von ihm Liebe schenken lassen. Im Gegensatz dazu ist Dawkins’ Gott satanisch. Satan (“Ankläger“ auf hebräisch) ist die Verwechslung Gottes mit einem „Big Daddy“ und strafendem Richter, und Dawkins’ Gott ist genau solch ein abstoßendes Super-Ego. Dieses falsche Bewusstsein von Gott ist in der Person Jesus überwunden worden, der den Vater vor allem als Freund und Liebenden offenbart denn als Richter. Dawkins’ Höchstes Wesen ist der Gott derjenigen, die sich mühen, göttlichen Zorn abzuwenden, indem sie Tiere opfern, wählerisch in ihrer Nahrung sind und makellos wohlerzogen. Sie können den Skandal nicht hinnehmen, dass Gott sie so liebt, wie sie sind, in all ihrer sittlichen Erbärmlichkeit. Das ist ein Grund, warum der heilige Paulus bemerkt, dass das Gesetz verflucht ist. Dawkins sieht das Christentum unter dem Aspekt einer eng legalistischen Auffassung von Sühne – eines grausam rachsüchtigen Gottes, der sein eigenes Kind opfert als Entschädigung für eine Kränkung – und er beschreibt den Glauben als böse und widerwärtig. Die Wette, dass der Erzbischof von Canterbury da kaum mehr zustimmen könnte, wäre leicht zu gewinnen. Denn das römische Imperium, nicht Gott, hat Jesus ermordet.

Dawkins findet es sonderbar, dass Christen den Tod nicht begierig erwarten, wenn sie doch danach ins Paradies gelangen. Er übersieht dabei, dass das Christentum wie die meisten Religionen menschliches Leben im höchsten Maße achtet und dass sich deshalb der Märtyrer vom Selbstmörder unterscheidet. Selbstmörder geben das Leben auf, weil es wertlos geworden ist; dagegen geben Märtyrer und Märtyrerinnen ihren wertvollsten Besitz für das künftige Wohlergehen der Anderen preis. Diesen Akt der Selbsthingabe bezeichnet man generell als Opfer, ein Wort, bei dem zu Unrecht alle Arten politisch inkorrekter Implikationen abgeladen wurden. Dawkins spekuliert, Jesus könnte seinen eigenen Verrat und Tod ersehnt haben, einen Vorwurf, den die Verfasser des Neuen Testaments bewusst zurückzuweisen trachten, indem sie die Szene in Gethsemane schildern, wo Jesus in Erwartung seiner kommenden Hinrichtung offensichtlich Todesangst hat. Auch als er am Kreuz hängt, lassen sie ihn Worte sagen, die deutlich dasselbe belegen. Jesus starb doch nicht deshalb, weil er verrückt oder masochistisch war, sondern weil der römische Staat und dessen verschiedene örtliche Lakaien und Helfershelfer von Jesu Botschaft der Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit aufgeschreckt wurden, genauso wie von seiner gewaltigen Beliebtheit bei den Armen, und sie beseitigten ihn, um einem Massenaufstand in der damals hochgradig unbeständigen politischen Lage vorzubeugen. Etliche der eng vertrauten Gefährten Jesu waren wahrscheinlich Zeloten, Mitglieder einer anti-imperialistischen Untergrundbewegung. Der Nachname von Judas deutet darauf hin, dass er einer von ihnen gewesen sein könnte, was seinen Verrat wesentlich nachvollziehbarer macht: Vielleicht verkaufte er seinen Anführer in bitterer Ernüchterung, als er sich eingestand, dass Jesus letztlich doch nicht der erwartete Messias war. Ein Messias wird nicht in Armut geboren, er verschmäht keine Vernichtungswaffen; und er bevorzugt es, in einer kugelsicheren Limousine mit Polizeieskorte in die Hauptstadt zu kommen, nicht auf einem Esel.

Jesus, der – ohne Dawkins zu nahe treten zu wollen – in der Tat “seine Ethik aus der Heiligen Schrift ableitete“ (er war frommer Jude, nicht der Begründer einer ausgefallenen neuen Organisation), war wie ein Witz von einem Messias. Er stellte die karnevaleske Parodie eines Anführers dar, der verstand, so wollte es erscheinen, dass jede Herrschaft zwangsläufig an ihrer Überheblichkeit und Hybris scheitern muss, wenn sie nicht auf Solidarität mit Schwäche und Versagen gründet. Zum Sinnbild für dieses Versagen wurde sein Kreuzestod. In diesem Glauben blieb er dem Quell des Lebens treu, den er rätselhaft seinen Vater nannte, welcher in der Gestalt des alttestamentlichen Jahweh den Hebräern sagt, dass er ihre Brandopfer hasst und dass ihr Räucherwerk seiner Nase widerwärtig ist. Erkennen wie er ist werden sie ihn erst, ermahnt er sie, wenn sie zusehen, dass die Hungernden mit guten Sachen gesättigt werden und die Reichen leer ausgehen. Du darfst dir keinen Fetisch und kein Götzenbild von diesem Gott machen, denn sein einziges Ebenbild ist der Mensch aus Fleisch und Blut. Im Christentum haben also Heil und Rettung etwas damit zu tun, für die Kranken zu sorgen, Fremde willkommen zu heißen und die Armen vor der Gewalt der Reichen zu beschützen. Das ist überhaupt keine “religiöse“ Angelegenheit und es verlangt keine besondere Bekleidung, kein rituelles Verhalten und keine umständlichen Speisevorschriften. (Das katholische Freitags-Verbot von Fleisch ist eine in der Bibel nicht belegte Kirchenvorschrift.)

Jesus pflegte Umgang mit Prostituierten und gesellschaftlichen Außenseitern, er war bemerkenswert zwanglos im Hinblick auf Sexualität, wurde von der Familie abgelehnt (der Vorstadt-Bürger Dawkins ist da etwas heikel), mahnte uns, gelassen mit Eigentum und Besitztümern umzugehen, warnte seine Anhänger, dass auch sie gewaltsam sterben würden und beharrte darauf, dass die Wahrheit tötet und trennt und doch auch frei macht. Er verurteilte selbstgerechte Tugendbolde, und er beunruhigte die herrschende Klasse zutiefst.

Der christliche Glaube sagt, dass diejenigen, die imstande sind, in der Betrachtung des Gekreuzigten ihr Leben zu führen, die hinnehmen, dass die traumatische Wahrheit der menschlichen Geschichte ein gepeinigter Leib ist, die Möglichkeit zu neuem Leben haben können – aber nur durch die Wirksamkeit einer unvorstellbaren Umwandlung unseres derzeit düsteren Zustands. Das versteht man unter Auferstehung. Diejenigen, die das fürchterliche Bild eines geschundenen Unschuldigen nicht als die Wahrheit der Geschichte erkennen, sind wahrscheinlich Anhänger jenes begeisterten Aberglaubens an den grenzenlosen menschlichen Fortschritt, dessen so über jeden Zweifel erhabener Verteidiger Dawkins ist. Es könnten aber auch wohlmeinende Reformer oder Sozialdemokraten sein, die aber von christlichem Standpunkt aus einfach nicht radikal genug sind.

Die zentrale Lehrmeinung des Christentums besagt also nicht, dass Gott ein uneheliches Kind ist. Vielmehr lautet sie in den Worten des kürzlich verstorbenen Dominikaner-Theologen Herbert McCabe, dass du tot bist, wenn du nicht liebst, und dass sie dich töten werden, wenn du liebst. Hier ist also euer Wolkenkuckucksheim und Opium des Volkes. Natürlich hat Karl Marx die letzte Redewendung geprägt; aber Marx war, wenn er in der selben Passage die Religion als das “Herz einer herzlosen Welt, die Seele seelenloser Verhältnisse“ beschrieb, in seinem Urteil darüber sehr viel verständiger und dialektischer als dieser fuchtelnde, dreschende, danebenhauende Dawkins.

Nun mag das alles kaum überzeugender sein als die Milchzahnfee. Heutzutage werden die meisten logisch denkenden Menschen hervorragende Gründe sehen, all das zu verwerfen. Doch Kritiker der reichhaltigsten und dauerhaftesten Form der Volkskultur in der menschlichen Geschichte haben die moralische Pflicht, in der Sache möglichst überzeugend aufzutreten, anstatt einen billigen Triumph an sich zu reißen, indem sie darüber herfallen, als sei es Müll und Geschwafel. Die Hauptströmung der Theologie, wie ich sie soeben skizziert habe, mag vielleicht nicht wahr sein; doch jeder, der daran festhält, ist meiner Ansicht nach zu respektieren, während Dawkins religiöse Überzeugungen ganz allgemein als etwas betrachtet, das nie und nimmer Respekt verdient. Das, könnte man bemerken, ist die Meinung eines Mannes mit tiefer Abneigung gegen dogmatische Rechthaberei. Doch er beharrt darauf, dass sogar die maßvollen religiösen Gesinnungen aufs Schärfste bekämpft werden müssen, da sie jederzeit zu Fanatismus führen könnten.

Gewisse Strömungen des Liberalismus, für die Dawkins eintritt, sind heute zu einer ziemlich hässlichen Spielart des Neo-Liberalismus ausgeartet, was aber meiner Ansicht nach kein Grund ist, den Liberalismus nicht mehr zu verfechten. Auf irgendwie obskure Art und Weise unterstellt Dawkins, dass der Bischof von Oxford für Osama bin Laden verantwortlich sei. Seine Polemik käme sehr viel überzeugender von einem Mann, der etwas weniger überheblich und auftrumpfend für die Naturwissenschaften einträte (in seinem Buch gibt es allenfalls ein oder zwei Andeutungen zu deren Fehlbarkeit) und der sich zurückhalten könnte, Sätze zu schreiben wie “dieser Einwand [zu einer speziellen wissenschaftlichen Ansicht] kann durch den Vorschlag entkräftet werden …, dass es viele Universen gibt“, als ob ein Vorschlag eine wissenschaftliche Zurückweisung begründen könnte. Wenn es um das Schreckliche geht, das Naturwissenschaften und Technik der Menschheit angetan haben, hüllt er sich wie vorherzusehen in Schweigen. Doch die Apokalypse wird viel wahrscheinlicher deren Produkt sein, als ein Werk der Religion. Man tausche nur die Inquisition gegen die chemische Kriegführung.

So steht es also um Dawkins’ makellose wissenschaftliche Unparteilichkeit, dass er sich in einem Buch von beinahe 400 Seiten kaum das Zugeständnis abringt, dass wenigstens eine einzige menschliche Wohltat aus religiösem Glauben entstanden sei, eine Ansicht, die a priori so unwahrscheinlich ist wie empirisch falsch. Die unzähligen Millionen Menschen, die ihr Leben selbstlos im Namen von Christus, Buddha oder Allah in den Dienst für Andere gestellt haben, sind aus der menschlichen Geschichte gelöscht – und das durch einen selbst ernannten Kreuzritter gegen bigotte Engstirnigkeit. Er ist wie jemand, der den Sozialismus mit dem Gulag gleichsetzt. Wie ein Puritaner die Sexualität, so sieht Dawkins Gott überall und sogar da, wo er ganz offensichtlich abwesend ist. Er glaubt zum Beispiel, dass sich der ethno-politische Konflikt in Nordirland in Luft auflösen würde, wenn die Religion verschwände, was jemandem wie mir, der zeitweise dort lebt, verrät, wie gering sein Wissen darüber wirklich ist. Auch glaubt er seltsamerweise, dass die Ausdrücke Loyalist und Nationalist “Beschönigungen“ für Protestant und Katholik seien, und offenkundig kennt er nicht die Unterschiede zwischen Loyalist und Unionist sowie zwischen Nationalist und Republikaner. Gegen die reichlich verfügbaren Belege hält er außerdem daran fest, dass der islamische Terrorismus mehr von der Religion als von der Politik inspiriert sei.

Das ist aber nicht so sehr die Gesinnung eines aufgebrachten Atheisten. Es ist die Meinung einer leicht identifizierbaren Art liberaler Rationalisten der englischen Mittelklasse. Liest man Dawkins, der gelegentlich schreibt, als ob “Du gänzlich unberührte Braut der Ruh“ [John Keats, Ode an eine griechische Urne] eine höchst komische Art sei, eine griechische Urne zu beschreiben, so kann man  halbwegs sicher sein, dass er wohl nicht Europas größter Schwärmer für Foucault, Psychoanalyse, Agitprop, Dadaismus, Anarchismus oder separatistischen Feminismus ist. Gut vorstellbar, dass all diese Erscheinungen für seine forsche blutleere Ratio genau so geschmacklos sind wie die Jungfrauengeburt. Man kann natürlich Atheist und außerdem noch glühender Verehrer von alledem sein. Doch sein Gotteshass ist auf keinen Fall nur schlicht die Ansicht eines bewundernswert von Vorurteilen gereinigten Wissenschaftlers. Dieser Gotteshass steht in einem bestimmten kulturellen Zusammenhang. Man sollte also in Nord-Oxford nicht erwarten, für Anarchismus oder die Jungfrauengeburt viele Ja-Stimmen zusammenzubringen. (Ich sollte betonen, dass ich den Ausdruck Nord-Oxford im ideologischen und nicht im geographischen Sinn verwende. Dawkins dürfte erleichtert sein, dass ich nicht weiß, wo er eigentlich wohnt).

Es gibt da diese sehr englische Sorte gesunden Menschenverstands, der zumeist nur an das glaubt, was man berühren, wiegen und schmecken kann, und Der Gotteswahn entspringt, neben anderen Quellen, diesem besonderen Milieu. In ihrer philisterhaftesten und provinziellsten Form tönen dann Worte eines Dick Cheney wie von Thomas Mann. Die weltlichen Zehn Gebote, wie Dawkins sie uns empfiehlt, etwa unser Sexualleben zu genießen, solange es anderen nicht schadet, sind zum größten Teil doch nur liberale Plattheiten. Ganz zu Recht verabscheut Dawkins Fundamentalisten; dennoch fanden die antireligiösen Schmähreden in seinem Werk meines Wissens nie eine Ergänzung durch eine kritische Bewertung des globalen Kapitalismus, der Hass, Angst, Unsicherheit und das Gefühl der Demütigung hervorbringt und so den Fundamentalismus verursacht. Stattdessen prasselt alles wie übliches stumpfsinniges Mediengeschnatter auf die Religion nieder.

Es kommt daher keineswegs überraschend, dass Dawkins sich, wenn es um globale Politik geht, als Hegelianer alter Schule herausstellt, der an einen zeitgeist (sein eigener Ausdruck) glaubt, welcher eine immerdar zunehmende Weiterentwicklung mit sich bringt, natürlich mit dem gelegentlichen “Rückschlag“. “Die Welle insgesamt bleibt in Bewegung“, schwärmt er in der besten Manier eines traditionell liberalen Whigs. Großzügig räumt er ein, dass es “örtliche und zeitliche Rückschläge“ wie die US-Regierung von George W. Bush gibt – als ob diese Regierung ein Wahlirrtum wäre und nicht vielmehr der Vorbote einer tiefgehenden Umwandlung der Weltordnung, mit der wir wahrscheinlich auf unabsehbare Zeit leben müssen. Im Gegensatz dazu glaubt Dawkins in seiner Herbert Spencer’schen Denkweise, dass “der fortschrittliche Trend unverkennbar ist und sich fortsetzen wird“. So steht es also, denn: wir haben es aus dem Mund von Mister Populärwissenschaft persönlich, dass, ein paar örtlich und zeitlich begrenzte Problemchen wie ökologische Katastrophen, Hungersnöte, ethnische Kriege und nukleare Verwüstungen ausgenommen, die Weltgeschichte im fortwährenden Aufwärtstrend ist.

Abgesehen von der gelegentlichen flüchtigen Geste in Richtung „anspruchsvoller“ Gläubiger neigt Dawkins dazu, Religion und fundamentalistische Religion als ein und dasselbe anzusehen. Das ist nicht nur grotesk falsch; es ist auch ein Kunstgriff, um jeden reflektierten Glauben zu umgehen, indem man unterstellt, dass er nur einen exklusiven Zirkel betrifft und nicht die große Mehrheit. Die riesige Zahl Gläubiger, die in etwa einer Theologie anhängt, wie ich sie oben kurz umrissen habe, kann deshalb bequem in einen Topf geworfen werden mit Proleten, die Abtreibungsärzte ermorden und Homosexuelle anfeinden. So weit solche Schändlichkeiten gehen, leistet Der Gotteswahn wirklich ganze Arbeit. Die zwei mörderischsten Texte des Planeten, abgesehen vielleicht von den E-Mails von Donald Rumsfeld, sind Bibel und Koran; und Dawkins als einer der besten und ebenso einer der schlechtesten Liberalen, hat im Laufe der Jahre Großartiges geleistet, weil er gegen diesen als Fundamentalismus bekannten speziellen Zweig der Psychopathologie gewettert hat, sei er nun texanisch oder talibanisch. Er lehnt zu Recht diese leisetreterische Sorte eines Liberalismus ab, die glaubt, man müsse all die dummen und abscheulichen Ideen anderer Leute respektieren, nur weil es die Ideen anderer Leute sind. In seiner bewundernswert zornigen Art vertritt Der Gotteswahn die Auffassung, dass die Lage der Atheisten in den USA heutzutage fast genauso ist wie die der Schwulen vor 50 Jahren. Das Buch ist voller Bilder vom schieren Horror der Religionen, fundamentalistischen oder anderen. Fast 50 Prozent der Amerikaner glauben, dass die ruhmreiche Wiederkunft Christi bevorsteht, und einige von ihnen arbeiten in übelster Weise darauf hin. Aber Dawkins hätte uns das alles auch sagen können, ohne seine Kollegen aus der Wissenschaft, welche nicht mit ihm überstimmen, in so erschreckender Weise gehässig zu behandeln und ohne theologisch so unkundig zu sein. Er hätte vielleicht auch vermeiden können, dass er den zweiten Platz der am häufigsten genannten Individuen in seinem Buch einnimmt – falls man Gott als Individuum zählt.



Terry Eagleton ist Professor für Kulturtheorie an der National University of Ireland in Galway. In Deutschland wurde der Autor vor allem durch seinen 2008 erschienenen Bestseller “Der Sinn des Lebens” bekannt.

Originaltext: Eagleton, T., 2006. Lunging, Flailing, Mispunching. Review of The God Delusion by Dawkins, R. London Review of Books [Online] vol. 28 no. 20 pp. 32-34. Online verfügbar auf: http://www.lrb.co.uk/v28/n20/terry-eagleton/lunging-flailing-mispunching. Die Veröffentlichung der deutschen Fassung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der London Review of Books.

Übersetzung: Wilhelm Schneiderhan

 

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