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Der „Religionsunterricht für alle“ – eine Idee mit Zukunft

Bei discorsi sollen künftig mehrmals im Jahr kleine Essaybände erscheinen. Thema des ersten Bands, den ich derzeit vorbereite, ist der Hamburger „Religionsunterricht für alle“. Dessen Konzept besteht darin, die Schulklassen für den Religionsunterricht nicht aufzulösen und die Kinder/Jugendlichen nach unterschiedlichen Bekenntnissen zu separieren, sondern alle gemeinsam zu unterrichten. Und dies nicht aus religionswissenschaftlicher oder religionskundlicher Distanz, sondern so weit wie möglich aus der Innenperspektive der präsentierten Religionen heraus – authentisch, wie das im Konzept heißt, einer der zentralen Begriffe darin. Wie der klassische Religionsunterricht, aber eben gemischt. Denn das Grundgesetz gibt vor, dass die Religionsgemeinschaften sagen, nicht der Staat, wo es im Religionsunterricht inhaltlich langgeht (der Staat hat nur darauf zu achten, dass alles im Rahmen der allgemeinen Gesetze läuft). Eine Konsequenz der Religionsfreiheit. Der Unterricht erfolgte zunächst in evangelischer Verantwortung, präsentiert von evangelischen Religionslehrern; inzwischen arbeiten die beteiligten sieben Gemeinschaften zusammen, die akademische Ausbildung der zusätzlich benötigten – zunächst islamischen und alevitischen – Lehrkräfte an der Universität Hamburg ist angelaufen.
Ich würde mal drei Gründe nennen, warum diese Art von Religionsunterricht eine großartige Idee ist:

  1. 1. Es ist in Hamburg gelungen, Vertreter verschiedener Religionen bzw. Konfessionen – evangelische, muslimische, jüdische, alevitische, inzwischen auch die Katholiken – an einen Tisch zu bringen, um etwas Gemeinsames zu gestalten. Schon allein das ist eine bemerkenswerte Sache.
  2. 2. Das Ganze funktioniert offensichtlich aus Sicht der Schüler, wie eine Evaluation ergab. Ein entscheidender Faktor.
  3. 3. Ideen wie der „Religionsunterricht für alle“ stärken Kräfte, die unsere zunehmend auseinanderstrebende Gesellschaft zusammenhalten. Es geht weit über das Kennenlernen eigener oder fremder Religionen hinaus. Durch das Erlernen konstruktiver Umgangsformen mit dem Anderen, dem Ferneren und Fremden ist ein Religionsunterricht in religiös gemischten Klassen auch ein Pluralismus-, Demokratie- und Staatsbürgertraining.

Das Thema hat nun aktuelle Brisanz erhalten: Ende 2021 erschien ein Papier des Vereins DEVI Demokratie und Vielfalt e. V. über die sogenannte „konfrontative Religionsbekundung“ muslimischer Schüler in Berlin-Neukölln. Das Papier fordert die Einrichtung einer Dokumentationsstelle für solche Vorfälle und stützt sich dabei auf Studienergebnisse, denen zufolge alle befragten örtlichen Schulen von entsprechenden Vorkommnissen berichten. Hier hätte der Religionsunterricht für alle sicher einen mäßigenden Effekt. Denn er bietet keine konfliktfreie Zone, im Gegenteil – er ist dialogorientiert angelegt, und Dialog bezieht ja seinen Sinn allein daraus, dass es unterschiedliche Positionen gibt. Hier lässt sich üben, Konflikte zivilisiert auszutragen und mit Widersprüchen umzugehen.
Nun kann der Religionsunterricht für alle zwar extremen Ansichten entgegenwirken, aber es wäre zu kurz gedacht, seinen Zweck nur hierin zu sehen. Es gibt nämlich noch ein weiteres Thema: Das Auseinanderfallen der Gesellschaft in säkular orientierte und religiöse Schüler ganz unabhängig davon, welcher Religion letztere zuneigen. Daher muss der Ansatz noch weitergehen – aber wie bringt man diesen disparaten Haufen zusammen? Dass Christen und Muslime sich unterhalten, mag ja noch angehen – aber mit Atheisten? Wäre das nicht eine Überfrachtung der noch zarten Anfänge des integrierten Religionsunterrichts? Andererseits: Wie sinnvoll ist die Aufspaltung in gläubige und agnostische/atheistische Schüler an den Schulen? In dem Essay will ich nach Antworten auf die Frage suchen, was sinnvoll wäre und was machbar.

Falls Sie informiert werden wollen, sobald der Band erschienen ist – schreiben Sie einfach eine Mail an redaktion@discorsi.de.

Eine gute Übersicht zum Hamburger Religionsunterricht für alle bietet die Infoseite der Schulbehörde:
Wegweiser – Ein Religionsunterricht für alle Kinder

Wer es etwas länger mag – dieser Link führt zu einem umfassenden Evaluationsbericht:

Freie und Hansestadt Hamburg, Behörde für Schule und Berufsbildung, Institut für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung: Evaluation – Gesamtbericht – Weiterentwicklung des Religionsunterrichts für alle. Hamburg, Juni 2018
Volltext (PDF)
Kurzbericht (PDF)

Das erwähnte Konzept des DEVI e. V. (PDF):
Anlauf- und Dokumentationsstelle konfrontative ReligionsbekundungVorabversion vorgelegt für das Bezirksamt Neukölln, Dezember 2021

Bericht des Deutschlandfunks hierzu:
„Konfrontative Religionsausübung“ / Religiöse Konflikte unter Berlins Schülern

Veröffentlicht in # 01-22 Bildung Debattenkultur Philosophie Religion Werkstattbericht

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