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Die europäischen Werte und der Krieg

Die Reporter erwähnen die Information in ihren Fernsehberichten zur Ankunft der Flüchtlinge aus der Ukraine eher beiläufig: Männern zwischen 18 und 60 Jahren ist die Ausreise nicht erlaubt, sie müssen sich spätestens an der Grenze von ihren Familien trennen, denn sie werden zur Verteidigung des Landes gebraucht. Erstaunlich, wie gleichmütig die westliche Öffentlichkeit, die Freiheit und Individualismus als zentrale Werte erachtet, dies hinnimmt; aber auch von jenem „breiten gesellschaftlichen Bündnis“, dem seit Jahrzehnten viel am Kampf gegen Patriarchat, Militarismus und Heteronormativität liegt, ist wenig in dieser Richtung zu vernehmen. Denn diese Information betrifft nicht die Gegenseite, die Feinde der „europäischen Werte“, die ihre Soldaten in einem Angriffskrieg in den Tod schickt, sondern diejenigen, die diese europäischen Werte gegen die Aggressoren retten wollen.
Nun ist die Entscheidung eines Ukrainers, einer Ukrainerin, sein oder ihr Land und dessen Werte mit der Waffe zu verteidigen, legitim und nachvollziehbar. Aber ebenfalls nachvollziehbar dürfte für alle, die ihren Kopf noch halbwegs über den Wirren der Zeit haben, die ganz andere Entscheidung sein, für einen territorialen Anspruch (Krim, Donbass) und politische Neutralität weder töten noch sein Leben opfern zu wollen. Als es in Deutschland noch die Wehrpflicht gab, konnten sich junge Männer aus Gewissensgründen gegen den Dienst an der Waffe und für den Zivildienst entscheiden. Ein beliebter Slogan auf den Friedensdemonstrationen der 1970er Jahre war „Lieber rot als tot“. Die individuelle Freiheit, eine solche Antwort auf eine existenzielle Frage geben zu dürfen – was ist denn ein europäischer Wert, wenn nicht das?
In einem starken Beitrag beschäftigt sich der Philosoph Alexander Grau bei Cicero – auch als Titelgeschichte der Weltwoche erschienen – mit dem Thema, das er auf „den alten Konflikt zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik“ zurückführt. Zentral erscheint ihm der „normative Punkt: Der Kern liberaler Gesellschaften ist das Individuum, nicht das Kollektiv. Das Leben des Einzelnen ist diesen Gesellschaften daher heilig. Eine liberale Gesellschaft opfert keine Menschen – auch für eine gute Sache nicht“ – denn „auch Menschen, die für eine gerechte Sache sterben, sind tot.“ Grau findet eindrückliche Worte:

„Für Demokratie und Freiheit zu krepieren, ist kein bisschen besser als für Mütterchen Russland zu verrecken. Am Ende stehen Tote. Sterben für edle Ideale? Für uns? Lassen wir den Kitsch! All diese jungen Männer, Russen wie Ukrainer, sterben für sich allein: schmerzvoll, elendig und einsam. Und jeder sollte besser leben, auf Partys gehen, Wodka saufen oder meinetwegen am Computer zocken – alles besser, als im Schlamm des Donbass zu verbluten.“

Aber wenn man die hiesigen Medien verfolge, so Grau weiter, „bekommt man mitunter den Eindruck, der Heldentod sei wieder angesagt. Es darf wieder gestorben werden. Der Tod auf dem Schlachtfeld, er ist wieder modern. Diesmal nicht für Volk und Vaterland, das auch, vor allem aber für Europa, Freiheit und Demokratie.“

Das in diesen Zeiten zu schreiben und zu publizieren, erfordert Mut – Chapeau.

Grau ist mit seiner Position nicht allein, ähnlich argumentiert Michael Wolffsohn in der Neuen Zürcher Zeitung. Und Moderator Theo Koll hatte sich getraut, das Thema im März als Urlaubsvertretung im Talk „Maischberger“ gegenüber dem ukrainischen Botschafter Andrej Melnyk anzusprechen. Kolls Frage, wie viele Opfer die Ukraine in Kauf nehmen würden, wies der ukrainische Botschafter in Berlin als zynisch zurück, er werde sie nicht beantworten.

Richard David Precht wagte es ebenfalls, das Thema aufzugreifen. Der Krieg habe „die Stimme der Vernunft ins Kellergeschoss des Bundestags verbannt“, er ist gegen Waffenlieferungen. Die Geschichte lehre: „Eine europäische Friedensordnung, in der Russland keine Rolle spielt oder die gegen Russland gerichtet ist, ist eine Zeitbombe, ein zerfallendes Russland ein Pulverfass.“ Was zu einem Atomkrieg führen könne. Prechts Fazit: „Hoffnung verspricht nur ein zweites Szenario: ein schnelles Ende des Krieges mit einer neutralen Ukraine. Die Aussicht auf einen baldigen Abtritt des kranken und moralisch bankrotten Putin. Die schrittweise Aufhebung der Sanktionen und der Entwurf einer europäischen Wirtschafts- und Friedensordnung unter Einbezug Russlands.“

Eingebettet war Prechts Appell in eine Strecke im Magazin Stern mit den Statements von fünf Intellektuellen, Untertitel: „Fünf Intellektuelle äußern im stern ihre Besorgnis, dass wir vor lauter Handeln das Denken vergessen.“

Es gibt auch markante Gegenstimmen. Christian Neef fordert im Spiegel: „Hört auf mit dem Kapitulationsgerede“, dass die Ukraine sich ergeben solle, sei absurd.

Noch weiter geht Ruud Koopmans. Der Professor für Soziologie und Migrationsforschung an der Berliner Humboldt-Universität und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge schlägt eine Flugverbotszone im Westen des Landes und Stationierung militärischen Personals „zu rein defensiven Zwecken“ vor. Abgesehen davon, dass dies den Kriegseintritt der NATO bedeuten könnte, argumentiert Koopmans reichlich spekulativ: Mit einem Sieg Russlands stünde die Zukunft der liberalen Demokratie auf dem Spiel. Denn die westlichen Staaten würden sich als schwach erweisen und dadurch Autokraten weltweit stärken. Wo ist das Argument geblieben, dass Demokratie sich als überlegene Idee von selbst durchsetzen sollte, sobald sie die Köpfe und Herzen der Menschen erreicht? Offensichtlich eine Illusion, die man auch nicht mit Panzern aufrechterhalten kann. Wir wagen hier die Gegenthese: Wenn Russland die Ukraine militärisch besiegt und einen Frieden diktiert, wird das keine Sympathiepunkte für Russland bringen, im Gegenteil – das Trauma Prager Frühling 1968 und Ungarn 1956 wird reaktiviert im kollektiven weltweiten Gedächtnis.

Alexander Grau: Krieg in der Ukraine – Mehr Pazifismus wagen!
Bezahlschranke; der Beitrag war auch Titelgeschichte der Printausgabe der „Weltwoche“ und ist am 24.3.22 online erschienen.

Michael Wolffsohn: Niemand liebt den Tod – die Welt braucht keine neuen Helden
Bezahlschranke

Richard David Precht: Wir müssen aufhören, emotional zu handeln und zur Vernunft zurückkehren
Bezahlschranke; im Rahmen eines Ensembles mit Beiträgen von Harald Welzer, Alice Schwarzer, Daniel Barenboim, Diana Kinnert und Richard David Precht: Was der Krieg anrichtet. Die Welt ist aus den Fugen. Fünf Intellektuelle äußern im stern ihre Besorgnis, dass wir vor lauter Handeln das Denken vergessen

Christian Neef: Deutsche Forderungen an die Ukraine: Hört auf mit dem Kapitulationsgerede!
Bezahlschranke

Ruud Koopmans: Was, wenn Putin den Krieg gewinnt?

Veröffentlicht in # 03-22 Ethik Krieg und Frieden

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