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Wenn der André Rieu der Philosophie den Jägern die Meinung geigt

Klar, als Erfolgsautor muss Richard David Precht natürlich gelegentlich die Häme der Intellektuellen mit geringeren Auflagen abbekommen. Aber mit „Tiere denken“ hat er ein überzeugendes Werk vorgelegt

Cover Richard David Precht: Tiere denken
Was hat sich der Richard David Precht nicht schon alles an mehr oder weniger subtilen Gehässigkeiten anhören müssen: Peter Sloterdijk bezeichnete seinen Kollegen Precht – zwar promovierter Germanist, aber immerhin hat er eine Philosophie-Honorarprofessur in Lüneburg inne – als den „André Rieu der Philosophie“, was den Spiegel-Kolumnisten Jan Fleischhauer zu der Bemerkung veranlasste, das sei „nicht sehr nett gegenüber Rieu“. Ob „unübertroffener Phraseologe“ (Fleischhauer) oder „philosophischer Populist“ (The European) – der Starautor lässt bei seinen Kritikern kreative Wortschöpfungen nur so sprudeln.

Was den hier begutachteten Titel „Tiere denken“ angeht, deutet sich zwar in der einen oder anderen Passage an, was die genannten Autorenkollegen zu ihrem – anhand anderer Werke von Precht gefällten – Urteil bewogen haben mag. Aber im Großen und Ganzen gilt, dass Precht hier ein ausgesprochen überzeugendes Werk vorgelegt hat. Es handelt sich um eine Überarbeitung des Buchs „Noahs Erbe“, das der Autor 20 Jahren zuvor veröffentlicht hatte, und man merkt dem Titel an, dass sich da einer schon jahrzehntelang mit der Materie beschäftigt. Vielleicht noch beeindruckender wie in seinen anderen Büchern bringt Precht hier seine große Stärke zur vollen Entfaltung: die Überlegungen der großen Denker in Religion und Philosophie auf verständliche, packende Weise darzustellen.

Die Tatsache, dass der Autor in der Entwicklung eigener Gedanken etwas abfällt, ist demgegenüber von geringerem Gewicht. Die im Stakkato heutiger digitaler Zeiten vermeintlich immer wieder neu erfundenen Räder drehen oftmals ziemlich hohl, und der Zwang zur Originalität zeitigt nicht zwingend immer beglückende Ergebnisse für den Leser. Es ist doch auch schön, wenn ein Schreibkundiger das schon längst Gedachte und wieder Vergessene oder nie Gehörte anregend aufzubereiten und einzuordnen vermag.

Dem Titel nach handelt Prechts Buch zwar von Tieren, das tatsächliche Thema aber ist der Mensch. Denn die eindringlichste Information im Buch besteht darin, wie die besten Denker die Ausbeutung von Tieren moralisch legitimieren: „Platon, Aristoteles, Cicero, Augustinus, Thomas von Aquin, Descartes, Spinoza, Pascal, Locke, Leibniz, Kant und Hegel – allesamt schaufelten sie an dem großen Graben zwischen Mensch und Tier,“ fasst Precht an einer Stelle zusammen. Selbst Exzesse beim Umgang mit Tieren, darunter grausame Experimente etwa des abendländischen Großdenkers Descartes oder das mittelalterliche Prellen zur Volksbelustigung, um nur zwei heftige Beispiele zu nennen, werden so im Nachhinein legitimiert und rationalisiert.

In starken Passagen liest Precht seinen Vorgängern – auch und gerade der Aufklärung – die Leviten: „Während die Naturwissenschaften nach und nach die Falten des göttlichen Zaubermantels lüften, Planeten ihre Umlaufbahnen ändern, die Erde aus dem Zentrum der Welt verschwindet, der menschliche Körper, seine Anatomie, sein Blutkreislauf erforscht wird, während in Mitteleuropa und Nordamerika das Gottesgnadentum der Fürsten der aufgeklärten Rationalität weicht (‚alle Menschen sind gleich und frei‘) und man dem Gedanken verfällt, auch Sklaven und Frauen könnten solche Menschen sein – in ebendieser Zeit vollendet sich Stück für Stück die Tötungsmaschinerie der Tierversuche und Fleischproduktion bis hin zum perfekten Horror der industriellen Tiernutzung. Die gefeierte Vernunft vollendet sich als Mikrophysik der Macht: in Schlachthäusern, auf Zuchtfarmen und in Versuchslabors.“

Was lernen wir daraus? Dass das Berufen auf das Beste, was unsere Spezies auszeichnet, die Vernunft, zum schlechtest denkbaren Ergebnis führen kann, indem der Mensch seinen Mitgeschöpfen die Hölle bereitet. Implizit enthält das Buch daher über das eigentliche Thema hinaus auch eine Warnung, wie dünn der Firniss der Zivilisation ist – immer noch und immer wieder.

Bei seinen Schlüssen aus dem Geschilderten schießt der Autor zumindest in einem Fall übers Ziel hinaus. So entlädt sich Prechts Zorn vor allem auf die heutigen Jäger, denen er pure Lust am Töten vorwirft. Hier macht er sich unnötig klein. Denn der evolutionäre Siegeszug des Menschen baut auch auf dem Opfer von Tieren auf – je nach Standpunkt eine Schande, in jedem Fall eine Tatsache. Seine Jagdbeute gab dem Homo sapiens in frühen Zeiten hochwertige Nahrung und Werkzeug. Hierfür tragen alle Schuld, nicht nur Jäger und Bauern. So sollten die Vertreter der Karnivoren-Gesellschaft, die sich die Hände nicht blutig machen müssen, den Berufsgruppen, die den Job erledigen, dankbar sein, dass sie die Schuld auf sich nehmen und so von den Konsumenten ablenken, die eigentlich das System am Laufen halten.

Precht kreist in seinem Buch immer wieder um die Frage einer Letztbegründung für einen moralischeren Umgang mit Tieren. Ein zentrales Argument lautet, dass viele Tierarten dem Menschen im Hinblick auf Bewusstsein und Empfindungen viel näher sind, als wir glauben. Nur lässt sich dies nicht so einfach beweisen, und selbst Mitleid ist nur begründbar, wenn da wirklich etwas leidet, was ja von einer ganzen Riege von Geistesgrößen abgestritten wurde (und von weitaus kleineren Leuchten auch heute noch abgestritten wird). Für Spinoza etwa sei es, referiert Precht, „das natürliche Recht der Tiere, den Menschen zu fressen. Umgekehrt sei es aber auch das natürliche Recht des Menschen, sich an Tieren zu vergreifen. Die menschliche Moral sei nur auf den Menschen anzuwenden, und nur wer sein Mitleid mit dem Tier unterdrückt, beweist ‚Vernunft‘. Alles andere hingegen sei schwach: ‚eitler Aberglaube und weibische Barmherzigkeit‘“.

Als Lösung schlägt Precht eine „Ethik des Nichtwissens“ vor – im Grunde meint er dabei eine Art Beweislastumkehr: Solange wir nicht wirklich wissen, was in Tieren vorgeht, sollen wir diese „Grauzone“ zu ihren Gunsten auslegen. Also: Die behauptete Alleinstellung des Menschen aufheben und humanistische Prinzipien auf Tiere ausdehnen. An der Argumentation ist etwas schief. Denn eigentlich sollte nicht die Menschenähnlichkeit interessieren, sondern ausschließlich die Leidensfähigkeit, alles andere wäre sonst wieder Speziesismus nach dem Motto: Je näher an der Krone der Schöpfung, dem Maß aller Dinge, also dem Menschen, desto privilegierter.

Bereit für ein Gedankenspiel? Nehmen wir einmal an, uns weit überlegene Außerirdische, vom Homo sapiens bei der Denkleistung mindestens so weit entfernt wie wir von den intelligentesten Vertretern der Tierwelt, unterwerfen die irdische Zivilisation und beginnen, die Menschheit auf dieselbe Weise zu behandeln wie wir die Tiere. Sie begründen das mit Kants kategorischen Imperativ, den sie in unseren Bibliotheken aufgestöbert haben: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.“ Sie sind also fein raus, wenden sie doch nur unsere Ethik auf uns selbst an. Nach dieser Logik wäre es klug, unseren Umgang mit Tieren einer Revision zu unterziehen und dieses Argument zu entkräften, bevor sie da sind. Wir sollten dabei nicht unnötig Zeit verschwenden: Nach astronomischen Schätzungen enthält alleine unsere Milchstraße eine zweistellige Milliardenzahl an erdähnlichen Planeten.

Noch eine Nachbemerkung des Schreibers dieser Zeilen, dessen Sohn in den vergangenen Jahren im Philosophieunterricht unter fürchterlicher Langeweile litt: Prechts Zugang zur Philosophiegeschichte über das Thema Tierrechte und Tierschutz könnte unter solchen Umständen im Klassenzimmer wie eine Sauerstoffdusche wirken und sei daher zur Aufnahme in einschlägige Lektürelisten empfohlen.

Rezension verfasst am 10. Mai 2017, leicht überarbeitet und veröffentlicht am 18. Mai 2022.

Richard David Precht: Tiere denken. Vom Recht der Tiere und den Grenzen des Menschen. Wilhelm Goldmann Verlag, München 2016. ISBN 978-3-641-19808-4. 512 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag; € 22,99 (E-Book € 9,99; Taschenbuchausgabe € 12,00); zum Angebot bei genialokal.de

Veröffentlicht in # 05-22 Bücher Ethik Geschichte Philosophie Religion Speziesismus Tiere Wissenschaft

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