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Der blinde Fleck des Humanismus

Worum es geht: Bekanntlich klafft zwischen menschlichem Sollen und Tun häufig eine Lücke. So gehört es seit Jahrzehnten zum basso continuo der Zivilisationsgeschichte, einen besseren Umgang mit Tieren anzumahnen. Es wird dann im Auditorium beifällig genickt, die Tiere leiden weiter. Der Zoologe Peter Kistler setzt einem Beitrag für die NZZ einen vernehmbaren Akzent, indem er nicht nur das Los der Tierwelt in Massenställen, Schlachthöfen, Laboren bedauert, sondern diesen Widerspruch betont.
Das Zitat: „‚Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde‘, lehrte Kant. Zu seiner Zeit gab es weniger als 1 Milliarde Menschen. Seine Umwelt befand sich lokal im Umbruch, war aber vergleichsweise heil. Seither gewinnt seine Mahnung immer mehr an Schärfe. Das Problem ist die Great Acceleration – der simultane exponentielle Zuwachs einer Vielzahl von Messgrössen: vom Wasserverbrauch über das globale BIP, den Primärenergieverbrauch, den Düngereinsatz, den CO2-Ausstoss, die Rodungsflächen in den Tropen bis zum globalen Fischfang, dem Papierverbrauch oder den Auslandsinvestitionen – und natürlich bis zur Bevölkerungszunahme und der Anspruchsinflation: Letztere beide sind die Ursachen all dieser Entwicklungen, die sich einer Spirale aus technischer Innovation und ökonomischer Verbesserung verdanken. … Der blinde Fleck der Menschlichkeit ist darum nicht nur ein Problem der Individualethik, sondern eine Überlebensfrage. Die kantsche Maxime kann nicht länger auf Menschen beschränkt bleiben. Wir müssen unsere Ethik neu denken – und ebenso unser Recht. Menschen brauchen justiziable Regeln, die sie vor ihresgleichen schützen. Umso mehr brauchen andere Lebensformen Schutz, die uns nichts entgegenzusetzen haben.“
Randnotiz: Die These des Politologen Francis Fukuyama, der die Welt nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Machtblocks am Ende der Geschichte wähnte, ist ja längst widerlegt. Darüber hinaus ist festzustellen: Nicht einmal die Aufklärung ist abgeschlossen. Sie steckt noch mitten in dem Speziesismus, den sie vom Christentum übernommen hat.
Zum Beitrag:
Warum eigentlich schliessen wir Tiere aus unseren Vorstellungen von Ethik aus? Unser Fleischhunger ist der grosse blinde Fleck der Menschlichkeit.

Veröffentlicht in Ethik Politik Tiere

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