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Von den Vorzügen des Nichtwissens

„Wie glücklich man sein kann, während man irrt“, schreibt Autor Sven Hillenkamp in Erinnerung an seine (sagen wir ruhig: ziemlich) linke Jugendzeit. Es ist einer der Kernsätze in seinem Essay über das Lagerdenken in der „Zeit“. Ganz gekappt hat Hillenkamp seine politischen Ambitionen dabei nicht, er ist weiterhin in der Umweltbewegung aktiv. Autoren wie Hillenkamp, die ihre eigene Rolle reflektieren, sind rar gesät in diesen Tagen, daher sei der erhellende Text zur Lektüre empfohlen. Schwer zu sagen, ob sich Hillenkamp selbst der „extremen Mitte“ (Maxim Biller) zurechnen würde, jedenfalls traut er sich, nach links wie rechts auszuteilen. Seiner Meinung nach gilt für alle – Konservative, Liberale, Linke“ – der Satz von Manés Sperber: „Sie wussten ganz genau, was zu wissen sie entschieden ablehnten.“

So präsentiert Hillenkamp zahlreiche Beispiele für Gruppen, die nicht besonders an Erkenntnissen interessiert sind, sondern im Gegenteil panisch vermeiden, etwas zu wissen. Eine kleine Auswahl: Die Linke ignoriere etwa „die Möglichkeit, dass das Coronavirus aus einem Labor in Wuhan stammen könnte“ (denn das könnte Rassismus hervorrufen), Befürworter von Lockdowns hingegen „wollen von den weltweiten menschlichen Kosten dieser Lockdowns nichts wissen“. Oder, ins Ausland geblickt: Die meisten Konservativen in den USA würden nicht wissen wollen, „dass ihr Anführer ein Lügner und eine Gefahr für die Demokratie ist“. Andererseits: „Linke auf der ganzen Welt und auch die meisten Journalisten, Ex-Präsident Barack Obama und viele Prominente, die sich 2020 zur Polizeigewalt in den USA geäußert haben, haben mit keinem Wort jene dazu vorhandenen Studien erwähnt, die darauf hindeuten, dass amerikanische Polizisten – proportional zur Kriminalstatistik – nicht mehr Schwarze als Weiße töten.“ Hillenkamp plädiert daher für das Selberdenken, also das Kantsche sapere aude – wage zu wissen. Was nicht unbedingt den Abschied von der Gruppe, vom eigenen Lager, bedeuten müsse, aber doch als Appell für mehr Reflexion zu verstehen ist.

Der Autor schließt: „Aller Irrsinn unserer Zeit rührt daher, dass Konservative sich nicht Konservativen in den Weg stellen, Linke nicht Linken, Liberale nicht Liberalen, wo Bedrohungen der Zivilisation nicht zur Kenntnis genommen werden, wo Illiberalismen die Meinungsfreiheit und die Demokratie gefährden, wo man sich für ein Wissen, das einem nicht nutzt, nicht interessiert.“ Das heiße nicht, dass man sich von Gruppen fernhalten soll – ein „faszinierendes Paradox“ bestehe darin, dass der Außenseiter (ich verkürze) zwar immer hellsichtiger werde, „aber immer weniger Gutes tut“ (Hervorhebung im Original.) So schließt Hillenkamps Appell damit, weiter Teil von Gruppen zu sein – und dort bei erkanntem Bedarf gegen den Strom zu schwimmen.

Sven Hillenkamp:
Alle Lager liegen falsch
Zeit online, 3. Februar 2022 (Bezahlschranke)

Veröffentlicht in # 02-22 Debattenkultur Erkenntnistheorie

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