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Worte haben diesen Krieg nicht verhindert, aber Schweigen bringt erst recht nichts

Ende März verkündete Maxim Biller in der „Zeit“ seinen Abschied vom Publizieren. So beginnt sein Beitrag: „Kurz vor dem Ukraine-Krieg habe ich ein Buch zu Ende geschrieben – mein letztes. Denn ich höre auf zu schreiben.“ Aber gleich mit dem zweiten Satz liefert er, genau besehen, auch gleich eine recht gute Begründung dafür, doch weiterzumachen: „Ich will kein Schriftsteller mehr sein, ich will nie wieder einen Roman oder ein Buch mit Erzählungen veröffentlichen, weil ich keinen Sinn darin sehe, aus Wirklichkeit Fiktion zu machen, die hinterher in die Wirklichkeit zurückkehrt und die Menschen für ein paar Momente klüger und ab und zu sogar besser macht.“

Die Verbitterung gerade dieses Autors, der sich selbst als „verkappten Melancholiker“ bezeichnet, ist aufgrund seiner Lebensgeschichte besonders gut nachvollziehbar, als Kind hatte er die Niederschlagung des Prager Frühlings durch sowjetische Panzer erlebt, war danach aus der Tschechoslowakei emigriert. Und so kämpft er in seinen Werken gegen mörderische Ideen und den Geist der von ihnen inspirierten Menschen, will – wollte? – die Welt schreibend verbessern, oder vielleicht genauer: die Wiederholung von Schlimmem verhindern. „Und jetzt“, schreibt er, „ist also in Kiew, Cherson und Odessa mal wieder der Zweite Weltkrieg ausgebrochen – nur dass diesmal die Russen angefangen haben –, und das ganze Schreiben und Leiden und Kritikerbeschimpfen war völlig umsonst!“

Die zivilisierte Welt hat militärischer Gewalt noch zu wenig entgegenzusetzen, wie wir derzeit einmal mehr demonstriert bekommen. Aber der Kultur, dem Reflektieren, Denken und Schreiben, ist es zu verdanken, dass mühsame, kleine Schritte in die richtige Richtung überhaupt erkennbar sind, noch zu schwach, die Gebilde, die sie geschaffen haben – Vereinte Nationen, Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, internationaler Strafgerichtshof – sie funktionieren nicht ausreichend, greifen hier nicht, können nichts aufhalten. Aber ist es wirklich sicher, dass es die russische Führung, wenigstens große Teile der russischen Bevölkerung, völlig unbeeindruckt lässt, wenn Anfang März drei Viertel der Staaten weltweit in der UN-Vollversammlung die Aggression verurteilen, nicht einmal eine Handvoll Mitglieder (ohne Russland) gegen diese Verurteilung stimmt, der Rest Enthaltungen? Auch hat sich eine wirtschaftlich machtvolle, gewaltfreie Allianz gegen die Aggressoren gebildet.

Es darf nicht vergessen werden, dass militärische Gewalt über die Jahrtausende einer von Kriegen durchzogenen Geschichte ein politisches Handeln war, das keiner Legitimation bedurfte – Krieg führen und Erobern war selbstverständlich, wurde auch durch die klassische Geschichtsschreibung hindurch positiv gesehen. Wurde? Den Eroberern gilt auch heute im geschichtlichen Rückblick die Bewunderung ihrer Nachfahren. Um dem massenhaften, systematischen Blutvergießen ein Ende zu bereiten, war die Völkergemeinschaft nach dem Zweiten Weltkrieg bereit, neue Wege zu gehen, auch alte Ideen dazu aufzugreifen. Die Bildung von Rechtsinstitutionen danach – Ausbau des Völkerrechts, Aufwertung der Menschenrechte, Einrichtungen wie UNO, OSZE – hat ihr Ziel noch längst nicht erreicht, es passiert alles zu langsam, es wirkt alles kraftlos, hilflos jetzt wieder gegen diesen Krieg, aber es ist auf dem Weg, der Trend stimmt. Und es braucht Menschen in Politik und Kultur, die unverdrossen Überzeugungsarbeit leisten und das alles mit nach vorne bringen.

Schade, gerade die „Vertreter der extremen Mitte“ (Biller über Biller) werden in diesen Zeiten dringend benötigt. Biller schlägt die Tür aber noch nicht ganz zu – auch am Ende des Texts deutet er an, dass er vielleicht irgendwann doch wieder zur Feder greift.

Maxim Biller: Alles war umsonst. Warum ich kein Schriftsteller mehr sein will
Hinter der Bezahlschranke; Printversion: „Die Zeit“ vom 24.03.2022, Nr. 13, S. 47 (Feuilleton)

Veröffentlicht in # 03-22 Ethik Krieg und Frieden Politik

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